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Weihnachten 1945 in Aegidienberg…von Prof. Dr. Claudia Solzbacher

„Wir hatten es hier oben eigentlich noch gut!“

Weihnachten 1945 in Aegidienberg

„ Ja, wir sind heute verwöhnt, was eine warme Wohnung anbetrifft“, hören wir derzeit nicht selten betagte Menschen sagen, wenn wir über unsere derzeitigen Energieprobleme sprechen. „Selbst das Wohnzimmer wurde bei uns nur Weihnachten geheizt und auch nur, wenn wir Kohlen oder Holz hatten“.1945 z.B. beim ersten Nachkriegsweihnachten gab es so wenig Brennstoff, dass Kardinal Frings den Kohlenklau später zum Kavaliersdelikt erklärt hat. Aber immerhin gab es keine Verdunklungsvorschriften mehr zum Schutz vor Luftangriffen. Für sehr viele war auch an ein richtiges Weihnachtsessen gar nicht zu denken. Hamstern war angesagt.

Die meisten kamen mit dem Fahrrad aus Bad Honnef zu uns oder zu Fuß quer durch den Wald

„Wir hatten es in Aegidienberg gegenüber den Städtern gut“, erzählen Gertrud Wallau (90, geb. Buchholz) und ihre Schwägerin Mia Buchholz (95, geb. Efferoth). „Es gab immer was zu verheizen und viele Bad Honnefer, aber auch Bonner und sogar Kölner kamen zu uns hoch um zu tauschen“. Mias Eltern hatten einen recht großen Bauernhof und Gertruds Eltern waren immerhin kleinbäuerliche Selbstversorger mit einer Kuh, einem Schwein und eigenem Obst-und Gemüsegarten. Sie erinnern sich vor allen Dingen an die Frau eines Professors von Hohenhonnef, die besonders häufig mit wertvollem Porzellan und mit anderen Dingen kam, um diese bei Mias Eltern gegen Lebensmittel einzutauschen. „Sie war eine der ganz wenigen, die mit dem Auto kam. Die meisten kamen mit dem Fahrrad aus Bad Honnef zu uns oder zu Fuß, den so genannten Butterweg hinauf, quer durch den Wald“ so Mia. Die ausgebaute Schmelztalstraße gab es ja damals noch nicht.

Einige hatten improvisiert und Weihnachtsterne aus Glühbirnendraht oder aus Soldatenhelmen gebastelt

„Wir konnten ein halbwegs normales Weihnachten feiern“, so Gertud Wallau, die 1945 zwölf Jahre alt war. „Wir mussten abends um 7:00 Uhr ins Bett und wurden um 24 Uhr wieder geweckt mit den Worten „das Christkind war da“. Der Baum brannte, natürlich mit echten Wachskerzen, und die Mutter hatte den Christbaumschmuck rausgeholt, den die Familie schon seit vielen Jahren hatte. Zum Glück sei der nicht kaputt gegangen, obwohl einen(!) Tag bevor „der Amerikaner kam“, Granaten in Haus und Kuhstall eingeschlagen sind und zwei Kühe getötet haben, so Gertrud. Einige hatten gar keinen Schmuck mehr, die hatten improvisiert und Weihnachtsterne aus Glühbirnendraht gebastelt oder aus Soldatenhelmen gehämmert. „Auf dem Tisch lag Heiligabend ein Teller mit Süßigkeiten und ein Geschenk für jeden“, so erzählt Gertrud weiter. Sie hatte sich eine Puppe mit langen Zöpfen gewünscht und konnte sich auch darüber tatsächlich Heiligabend freuen. Mia hatte sich Schlittschuhe gewünscht und soweit sie sich erinnern kann, diese auch damals bekommen.

Als man -auch vor Aufregung- nur kurz geschlafen hatte, ging es um 5:00 Uhr morgens zur Christmette. „Ein großer erleuchteter Tannenbaum stand vor der – kurz vor Kriegsende noch teilweise zerstörten–Aegidienberger Kirche. In der Kirche selbst aber war alles dunkel. Als alle in der Kirche waren, wurde es plötzlich hell und das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ ertönte. „Ein wunderbarer feierlicher Moment!“ Zum Mittagessen gab es Hühnchen mit Kartoffeln und in der Vorweihnachtszeit waren schon Plätzchen und Printen gebacken worden.

Manche Stühle blieben leer

Also alles wieder gut an dieser ersten Friedensweihnacht? Leider nicht! Wie in vielen Familien blieben auch bei Gertrud und Mia am Weihnachtstisch des Friedensjahres Stühle leer. Gertruds Bruder Toni Buchholz war im September 1945 beim Spiel mit einer auf einem Feld gefundenen vollen Granatenkiste im Alter von 8 Jahren ums Leben gekommen und mit ihm zwei Nachbarskinder. „Für meine Mutter war es vermutlich das schrecklichste Weihnachten ihres Lebens“, atmet Gertrud tiefdurch. Mia nickte: „Für uns war’s auch eigentlich ein schweres Fest“. Ihre Schwester Katharina Efferoth war im Juni 45 mit 23 Jahren an Diabetes gestorben. „Heute hätte man sie retten können“, so Mia. „Aber damals gab es nirgendwo Insulin“. Viele Familien hatten jemanden verloren. Noch ganz kurz vor Kriegsende im März 45 war in Aegidienberg vieles zerstört worden, unter anderem weil die Autobahn heftig umkämpft war.

„Die Leute, deren Häuser kaputt waren, wohnten in provisorischen Baracken und haben dort Weihnachten gefeiert oder bei Nachbarn und Verwandten“, erzählen Mia und Gertrud. Da saßen auch schon mal ein paar mehr Leute zu Weihnachten mit am Tisch. „Auch noch im Krieg einquartierte Soldaten“, lachen Mia und Gertrud. Die hatten sich nämlich in Aegidienberger Frauen verliebt und sind deshalb nach dem Krieg nicht nach USA oder England zurück gekehrt, sondern haben mit am Weihnachtstisch gesessen als Schwiegersohn oder zukünftiger Schwiegersohn. „Die Ehen haben gehalten“, wissen die Schwägerinnen.

„Irgendwie bleibt uns das erste Friedensweihnachtsfest trotz allem in guter Erinnerung, resümieren Mia und Gertrud. „Es war ja endlich Frieden!“

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